Durch den Süden Frankreichs

Lavendelduft und Grillenzirpen

Sabine und Max Unger – sie flugbegeistert, er Privatpilot – charterten ein Flugzeug in Aix-en-Provence Les Milles. Damit erflogen sie mediterrane Landschaften und machten Kurztripps zu entlegenen Naturparks und mondänen Städten im bezaubernden Süden unseres Nachbarlandes.

 

Okay, das wird wirklich sportlich, in der Hochsaison noch schnell was zu finden, aber ich telefoniere mal rum, lacht Arnd Helmetag, Chef einer Flugschule mit Vercharterung in Aix-en-Provence. Wenig später hat er eine passende Unterkunft für uns gefunden. Nachdem wir mit Arnd, der einen großen Teil seiner Kindheit auf dem Flugfeld verbrachte und als Ingenieur bei Eurocopter in Marignane gearbeitet hat, erste Mails und Telefonate ausgetauscht haben, und die Ferienwohnung gebucht ist, können Max und ich unseren Fliegerurlaub im Süden Frankreichs planen.

Auf die Vercharterung waren wir durch den aerokurier-Artikel „Chartern in Lila“ (7/2012) aufmerksam geworden. Da war über die Flugschule SAAL Aviation berichtet worden, die jetzt „AeroZing“ heißt. Hier wird, umgeben von Lavendelduft und sommerlichem Gesang der Zikaden, Flugausbildung in französischer und deutscher Sprache angeboten. Für uns ist aber das Zusatzangebot viel interessanter: die Flugzeugvercharterung. Damit ersparen wir uns den Anflug von Deutschland und können Teile der Provence und der Küsten alternativ mit unserem Roadster erkunden. Vor Ort planen wir fliegerische Tagestouren.

Zwei Wochen später nähern wir uns dem Aerodrome von Les Milles, das gleich neben Aix-en-Provence liegt. Örtliche Hinweisschilder zum Platz gibt es kaum, dafür treffen wir bei AeroZing auf ein tolles Team, dessen positive Stimmung ansteckend ist. In einem sanft gekühlten Bürocontainer arbeitet Pierre, ein junger Mann aus Berlin, der sein Studium zum Flug- und Wirtschaftsingenieur mit seiner Studienarbeit vervollständigt. Gut gelaunt begrüßt er uns.“Schön warm hier im Süden, was?“ „Jerome Faure ist unser Fluglehrer, er wird euch auch einweisen“, stellt Arnd den Kollegen am Schreibtisch gegenüber vor. In perfektem Deutsch bespricht Jerome mit Max den gemeinsamen Checkflug. Er war Pilot bei der französischen Luftwaffe und kennt die Lufträume im Süden in- und auswendig. Max und Jerome checken Wetter und NOTAMs. „Wir starten hier überwiegend auf der Piste 33, und dann meldest du gleich Ausflugpunkt Alpha Whisky“, erklärt Jerome und deutet auf die ausgebreitete Flugkarte.“Du wirst sehen, die sind hier alle recht freundlich und reichen dich sehr komfortabel weiter. Hier ist eine Militärzone, da musst du aufpassen und in der Platzrunde niemals über das Gefängnis fliegen“, mahnt er und deutet auf die Stelle in der Karte kurz vor dem Endanflug.

Dann geht es los. Die PA-28 (F-GFLZ) steht vollgetankt bereit. Wir planen einen Lokalflug entlang der Küste, der gleichzeitig Checkflug für Max ist. Arnd reicht mir noch die obligatorischen Schwimmwesten. Das schöne Licht des Südens saugen wir sonnenhungrig auf, hatten wir Deutschland doch bei verregneten 15 Grad hinter uns gelassen. Es ist 9.30 und schon etwa 30 Grad warm. Im Hangar schrauben Mechaniker an Motoren, und auf dem Flugfeld checken die ersten Piloten ihre Flugzeuge. Alles wird untermalt mit kräftigem Grillenzirpen. Max, Jerome und ich besteigen die Piper. Der Motor wird zügig nach den Checks gestartet, was uns eine angenehme Luftkühlung spendet.

Nachdem Max zunächst mit Milles Ground und kurze Zeit später mit Milles Tower Funkkontakt aufgenommen hat, erhalten wir die Genehmigung zum Backtrack auf der 33 und werden aufgefordert, bei Überflug den von uns gewünschten Ausflugpunkt Alpha Whisky zu melden. Nach wenigen Flugminuten nähern wir uns dem Flughafen von Marseille, wechseln auf die Frequenz 132,95 MHz, rufen Marseille Info und erbitten ein „midfield crossing“. „You want to overfly?“, fragt der Lotse nach. Ein Linienflugzeug hebt gerade Richtung Meer ab, genauer gesagt in die riesige Salzwasserlagune Etang de Berre.

Wir fliegen die Cote Bleue entlang, vorbei an Carry-Le-Rouet mit Kurs auf Marseille. Während links von uns das Häusermeer aus zartrosa Kalkstein an uns vorbeizieht, überfliegen wir die vorgelagerten Iles de Frioul und gelangen zum Cap Croisette. Hier beginnt ein 20 km langer Küstenstreifen, mit bezaubernden, fjordähnlichen Buchten, den Calanques. Seit 1975 sind sie ein Naturschutzreservat. Türkisfarbenes Meer, kleine Sandstrände und pinienbewachsene helle Kalksteinfelsen. Wir genießen die atemberaubende Landschaft. Jenseits der Insel Riou, vor der Antoinne de Saint-Exupery einst mit seinem Flugzeug abgeschossen wurde, stehen wir im Funkkontakt mit FIS Provence Information und fliegen in 1500 Fuß entlang der braunroten Felsen des Cap Cornouaille, mit knapp 400 Metern die höchsten Klippen Frankreichs. Bei La Ciotat fliegen wir in Richtung Le Castellet im Inland. Wir rufen den Tower von Castellet und melden sicherheitshalber den Überflug. Schließlich nehmen wir wieder Kurs auf unseren „Heimatplatz“ und können schon aus der Ferne den Berg Saint-Victoire ausmachen. Die grüngrauen Kalksteinberge hat Paul Cezanne, der berühmte Maler aus Aix-en-Provence, in etwa 30 Ölbildern und 40 Aquarellen festgehalten. Sie reflektieren seine künstlerische Entwicklung.

Wir melden uns in Les Milles. “Fliegen Sie vorbei am Maison d´Arret in die Platzrunde“, weist uns der Lotse an. Wir landen auf der 33 und beenden begeistert den einstündigen Checkflug. Mit Baguette, Käse und Melone fahren wir zur Küste und nehmen ein Bad im kühlen Meer, bevor wir am Abend zum ersten Lokalflug ohne einheimische Begleitung starten. Es ist 19 Uhr, als wir mit der PA-28 wieder unterwegs sind. Die Landschaft ist jetzt in ein mildes Licht getaucht. Obwohl wir eine ähnliche Runde fliegen, wie am Morgen, ist die abendliche Stimmung völlig anders, irgendwie magisch. Diesmal landen wir auf der Piste 15 und plaudern anschließend noch ein wenig mit Arnd, der die Piper vor dem Feierabend noch schnell betankt. Später lassen wir den Tag im einfachen, aber ausgezeichneten Restaurant „Le Mange-Tout“ (dem „Allesfresser“) ausklingen.

Am nächsten Morgen ist die Küste in Nebel gehüllt. Wir sind gegen acht Uhr am Platz und checken das Wetter. Unseren Tagesausflug nach Cannes müssen wir zunächst verschieben, nach einer Stunde aber hat sich der Nebel gelichtet. Doch wo gestern noch das Meer war, hängen nun tiefe Wolkenschwaden, wie Zuckerwatte, die beinahe das Wasser zu berühren scheinen. Wir schrauben uns über der Bucht von La Ciotat sicherheitshalber höher, rufen Toulon Info und nehmen Kurs auf Cannes. Über dem Hafen von Toulon sind die Wolken verschwunden. Nachdem wir die Halbinsel Hyeres passiert haben, überfliegen wir St.Tropez, mit seiner belebten, azurblauen Bucht. Nach etwa 80 Minuten erreichen wir die mondäne Mittelmeerstadt Cannes. Zwei riesige Kreuzfahrtschiffe liegen in der riesigen Bucht vor Anker, und die Piste des Flughafens ist deutlich zu sehen. Wir wechseln zu Cannes Tower, fädeln uns in den Gegenanflug zu Piste 17 ein und landen. An dem noblen Flughafen erwarten wir eine entsprechend hohe Landegebühr, doch sie ist mit 21,15 erfreulich günstig.

Der Taxifahrer setzt uns an der Promenade ab, und wir schlendern vorbei an unzähligen Yachten, Hotels und Edelboutiquen. Schließlich erstehen wir günstig zwei Strandlaken, legen uns, umgeben von russisch, französisch und englisch plaudernden Sonnenbadenden an den Sandstrand und verbringen den Rest des Tages am und im Meer.

Auf dem Rückflug verschmelzen Land, Wasser und Wolken im abendlichen Zwielicht in silbernen Farbtönen. Etwa 15 Minuten vor unserer Landung in Les Milles weist uns der Towerlotse auf eine Viererformation von Flugzeugen der Securite Civile hin, die kurz darauf unseren Flugweg quert. Mit den in Marseille stationierten, gelb und rot lackierten Löschflugzeugen nehmen die Piloten während des Fluges Meerwasser auf. Sie sind im Sommer unermüdlich unterwegs, um Waldbrände zu löschen oder ihnen vorzubeugen.

Abends fahren wir zu einem kleinen Lokal am Meer. Der Küstenabschnitt in der Nähe von Carry-Le-Rouet ist ein Geheimtipp. Einheimische, Urlauber und Studenten sitzen plaudernd an den Tischen, einige Jugendliche spielen Petanque, Feigenbäume verströmen ihren milden Duft.

Während der nächsten drei Tage herrscht Mistral. Wir entschließen uns, lieber nicht zu fliegen. Zu stark und böig ist der Wind, der aus Norden kommend das Rhonetal hinunterweht und sich auf dem Weg zur Küste noch verstärkt. Mit der Küstenbahn fahren wir von Ensues la Redonne in nur 20 Minuten ins Zentrum von Marseille. Eine angenehme Brise weht durch die Gassen. Wir schlendern durch die Altstadt und genießen fangfrische Meeresfrüchte im alten, komplett sanierten Hafen. Am nächsten Tag erkunden wir bei einer Rundreise mit dem Auto die Landschaften und Städte an der Rhonemündung, fahren kurz vor Sonnenaufgang durch die erwachende Camargue, genießen Frühstückscroissants in Arles, schlemmen mittags Austern in den Markthallen von Nimes und geraten am späten Nachmittag in das Theaterfestival von Avignon. Unsere Rundreise beenden wir in Aix.

Am dritten Tag hat sich der Wind gelegt. Unser Flug führt zum Flugplatz Mende in den Cevennen. Zunächst nehmen wir die bekannte Küstenroute und folgen hinter Marseille der Cote Bleue. Wir werden angewiesen, nicht höher als 600 Fuß zu fliegen. Das beschert uns wunderbare Ausblicke auf die zunächst felsig-schroffen, dann sandigen und flachen Küstenstreifen. Schließlich erreichen wir den Industriehafen von Fos-sur-Mer. Kurz darauf befinden wir uns über spiegelglatten Salinenfeldern. Die Farben reichen von milchigem rosa bis hin zu zarten Fliedertönen. Über dem Etang de Vaccares sehen wir rosafarbene Flamingos. An Saint-Maries-de-la-Mer überfliegen wir menschenleere Platanen- und Pinienalleen, olivgrüne Salzwiesen, einzelne Höfe und entdecken aus der Höhe weiße Camargue-Pferde. Als wir die Salzwasserlagunen vor Montpellier erreichen, sind es noch etwa 110 Kilometer bis Mende.

Über einsamen Landstrichen steigen wir auf FL75. Mit zunehmender Höhe verändert sich der Baumbewuchs. Auf Eichen folgen erste Fichten, dann Kiefern. Schließlich ist nur noch niederes Gestrüpp in den alpin anmutenden Hochebenen der Südausläufer des Zentralmassivs auszumachen. Und bald haben wir auch die Landebahn, inklusive kreisender Geier, in Sicht. Dank des Vereins „Goupil Connexion“ konnten in den Cevennen wieder Geier angesiedelt werden. Wir landen auf der Piste 13. Die abenteuerlich auf einem Hochplateau gelegene Landebahn bietet einen spektakulären Anflug. Sie endet abrupt an einem steilen Hang. Das einzigartige Hochplateau mit vielfältiger Tier- und Pflanzenwelt wurde 2011 von der UNESCO zum Welterbe ernannt. Auf unserem Spaziergang umgibt uns ein Potpourri aus zarten Wiesenblumen, Gräsern und Orchideen, die im trockenen, porösen Kalkstein und prallen Licht gedeihen, Eidechsen und Schmetterlingen. Es weht ein leichter Wind und es duftet nach Kiefernharz und Wiesenblumen.

Nach unserem Start über die spektakuläre Rampe der Piste 13 schrauben wir uns über dem Naturschutzgebiet hoch auf FL 75, passieren Avignon und erreichen wenig später die Lavendelfelder des Plateau de Vaucluse. Bald schon sind wir über dem Luberon und nehmen wieder Kurs auf Les Milles.

Am nächsten Morgen treten wir unsere Rückfahrt nach Frankfurt an. Es war toll, das freundliche Team von AeroZing kennenzulernen und im Süden ein Flugzeug zu chartern. Grund genug, im nächsten Jahr wieder hier zu starten – neuen und alten Flugzielen entgegen.

 

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